Wie kam der Mensch zur Musik: Eine Betrachtung zum Intervallempfinden

Wie kam der Mensch zur Musik, wie zu Kunst und Wissenschaft, könnte man die Frage erweitern. Ein elementarer Fragenkomplex nach dem Wesen des Menschen und der Natur, aus der er zu kommen scheint.

Wissenschaftlich stehen wir vor diesen Fragen mit leeren Händen da. Insofern sind die Antworten, die uns der Bioakustiker Bernie Krause aufgrund seiner 40 jährigen Erfahrung gibt, von Bedeutung.

Der Bioakustiker Bernie Krause streift durch die Natur, um Tierstimmen und Geräusche aufzuzeichnen. Seine These: Ohne Tiere würden wir Menschen weder singen noch tanzen.

Passagen aus dem Interview des Musikers und Naturforschers Bernie Krause mit der SZ

Sie behaupten, jede Form von Musik hat ihre Wurzeln in natürlichen Klängen. Woran machen Sie das fest?
Ich glaube, Tiere haben uns gelehrt, wie man singt und tanzt. Eingeborenenstämme imitieren noch heute die Klänge und Laute ihres Habitats, die Arrangements, die Rhythmen. Menschen sind gut darin, etwas nachzuahmen. Diese Gabe hat unsere Ausdrucksweise geprägt. Dabei waren es nicht so sehr die Laute eines einzelnen Vogels oder eines Frosches, sondern die kollektiven Laute eines Habitats. Wenn Sie die Klangdiagramme eines natürlichen Morgenchors und einer Mozart-Sinfonie vergleichen, werden sie Ähnlichkeiten im Aufbau erkennen. Diese Gabe, Musik zu Sinfonien zu verdichten, haben wir nicht in der Schule gelernt, sondern in den Urwäldern der Urzeit.

Wie wurde aus Nachahmung schließlich Musik?
Darüber können wir nur spekulieren. Vielleicht haben die Urmenschen versucht, die Naturklänge zu imitieren, um ihre Spiritualität auszudrücken, irgendetwas, was jenseits des Sagbaren liegt. Musik hat emotionale, mystische, aber auch praktische Bedeutung. Bestimmte Laute deuteten vielleicht auf Nahrung hin. Natürliche Klanglandschaften waren unser Medium, unser Nachrichtenkanal damals. Bestimmte Affen verständigen sich noch heute über Rhythmen, die sie auf Feigenbäumen erzeugen – haben wir uns das abgeschaut?

Die Homepage Bernie Krauses Wild Sanctuary mit vielen Klangbeispielen und ganzen CDs seiner Naturaufnahmen.

Man möchte gerne glauben Vogelstimmen seien das Vorbild unserer musikalischen Intervalle. Ein Irrtum! Vogelstimmen haben nur rudimentär von dem , was wir als Musik und Intervalle bezeichnen, jedoch gibt es Ausnahmen:

“Unsere Befunde erklären, warum diese Vogelart so eine prominente Rolle in der Mytholgie und Kunst spielt. Unsere Entdeckung bedeutet aber nicht, dass Vogelgesang generell wie menschliche Musik aufgebaut ist – es gibt ungefähr 4000 verschiedene Singvogelarten und jede hat ihre eigene Art zu singen, einige sind dabei geradezu unmusikalisch,“ sagt Henrik Brumm, Forschungsgruppenleiter in Seewiesen. Quelle: Musik aus dem Regenwald
Forscher finden erstaunliche Ähnlichkeit zwischen Vogelgesang und menschlicher Musik

Prüft man den Gesang einer Singdrossel auf Reinheit der Intervalle hin, so wird man zunächst feststellen, dass man überhaupt Schwierigkeiten hat, Tonhöhen genau zu ermitteln, weil Vogelstimmen, wie schon im Abschnitt V,4,1 gesagt wurde, meistens, ähnlich wie Glockentöne, nicht harmonische Klänge sind, also kein periodisches Klangmuster haben. Aber auch dort, wo sie sich einigermaßen harmonisch anhören, ist es mit der Reinheit nicht weit her. Auch der Gesang des Kuckucks besteht nur im Volkslied aus reinen Terzen.
Güth Wernfried, Danckwerth Florian; Die Streichinstrumente, Steiner, Stuttgart, 1997, S. 157

Siehe auch:
Von Ursprung und Sinn der Musik
Ein Essay von Jan Reichow
SWR2 2. April 2012

Die Anfänge der Musik von Carl Stumpf

Noten und Neuronen
Ein Film von Elina Mannes
(Frankreich, 2009), ARTE F

Eine philosophische Betrachtung über das Intervallepfinden

Tiere, auch Vögel können nicht kreativ mit Musik umgehen, weil sie auch mit Zahlen nicht kreativ umgehen können:

„Wir nennen Musik nicht das Hervorbringen von Tönen überhaupt, sondern von gewissen Anordnungen der Töne, seien sie noch so einfach. Und dabei ist es für die Musik im menschlichen Sinne ein ganz wesentliches Merkmal, dass diese Anordnungen unabhängig von der absoluten Tonhöhe wiedererkannt [transponiert] und wiedererzeugt werden können . Eine Melodie bleibt die nämliche, mag sie vom Bass oder Sopran, mag sie in C oder in E gesungen werden. Diese Fähigkeit des Wiedererkennens und des Transponierens von Melodien finden wir unter den Naturvölkern, soweit unsere Kenntnisse reichen, allgemein.

Wie verhält es sich nun aber bei Tieren? Es ist meines Wissens bisher nicht beobachtet, dass ein Gimpel oder Star, dem man ein bestimmtes melodisches Motiv, … beigebracht hat, … in einer anderen Tonart, … wiederholt hätte.

Stumpf, Carl; Die Anfänge der Musik, Leipzig, 1911, S.10

Das Intervallempfinden ist dafür verantwortlich, dass der Mensch transponieren kann und Intervallempfinden beruht auf intuitivem Erfassen von Zahlenproportionen.
„Erklingen beispielsweise zwei Töne 100 Hz und 200 Hz, so erkennen wir ein Oktavintervall. Erklingen 72 Hz und 144 Hz, so erkennen wir ebenfalls ein Oktavintervall. Der Grund hierfür ist, dass die Tonverhältnisse 100 Hz / 200 Hz = 72 Hz / 144 Hz = 1 / 2. dieselben sind. Zu beachten ist, dass sich die physikalische Einheit Hz (Herz), Schwingungszahl je Sekunde weg kürzen.“
Limbrunner, Willibald; Zahl Seele Kosmos; Synergia, 2010, Einleitung

Ich will das nochmals klar machen. 100 Hz / 200 Hz = 100 / 200 = 1 / 2. Würden wir die Einheit Hz belassen, so käme am Ende etwas heraus, was wir gar nicht hören könnten, 1 Hz / 2 Hz. Das wäre also deutlich falsch. Dass nun die Einheit Hz entfällt, sagt uns, dass wir es nicht mehr mit einem physikalischen Phänomen zutun haben. Wir empfinden tatsächlich das Zahlenverhältnis 1/2 oder 1:2. Dieses löst die Empfindung eines Oktavintervalls aus und befähigt uns dazu zu transponieren.

PythagoreischePhilosophiek

Tiere mögen das Intervallempfinden in rudimentärer Weise besitzen, wenn sie etwa von Musik angetan sind, sie können jedoch nicht bewusst und aktiv damit umgehen, wie der Mensch dies tut.

Wenn also Vögel nicht transponieren können, so liegt ganz offenbar daran, dass sie keine Zahlenproportionen erkennen können. Daher ist auch klar, dass die Wissenschaft keine eindeutigen Nachweise erbringen kann, dass Vögel in musikalischen Intervallen singen.

“Unsere Befunde erklären, warum diese Vogelart so eine prominente Rolle in der Mytholgie und Kunst spielt. Unsere Entdeckung bedeutet aber nicht, dass Vogelgesang generell wie menschliche Musik aufgebaut ist – es gibt ungefähr 4000 verschiedene Singvogelarten und jede hat ihre eigene Art zu singen, einige sind dabei geradezu unmusikalisch,“ sagt Henrik Brumm, Forschungsgruppenleiter in Seewiesen.
Quelle: Musik aus dem Regenwald
Forscher finden erstaunliche Ähnlichkeit zwischen Vogelgesang und menschlicher Musik

Das unterscheidet den Menschen grundsätzlich vom Tier. Der Mensch betreibt Wissenschaft, Kunst und Philosophie und er hat sich damit von der Natur entfernt und distanziert. Er ist nicht mehr unbewusster Teil der Natur und sucht sie nun aus seiner intellektuellen und ästetischen Sicht bewusst zu machen und zu erfassen.

 

Ein Problem der gängigen Evolutionstheorie

Musik zählt zu jenen Leistungen, die für das Überleben und die Existenzsicherung, nicht notwendig sind. Man kann das Hören und das Gestalten von Musik nur schwerlich als evolutionären Vorteil ansehen. Damit zählt Musik zu den Geistesleistungen, die den Menschen über die Evolution hinaus erheben. Dazu zählt auch die zweckfreie Wissenschaft, mit dem Ziel reiner Erkenntnis, wie auch die Philosophie und die Kunst.

Das ist der wesentliche Unterschied zu den Intelligenzleistungen der Tiere ( Bienen , Vögel ) die ausnahmslos zweckgebunden sind. Nur der menschliche Geist ist in der Lage sich über den Zweck zu erheben. Diese Fähigkeit ist bei vielen Menschen allerdings nur rudimentär ausgeprägt. Nicht was ein Mensch tut, ist entscheidend, sondern warum er es tut.

Der Zusammenhang zwischen dem Erkennen und Gestalten der Zahlen und Musik (Intervallempfinden, Transponieren) führt auf den kantschen Begriff des Apriorischen (nicht aus sinnlicher Erkenntnis ableitbar) und somit nur schwerlich evolutionär erklärbar. Kant leitet aus den mathematischen Fähigkeiten auch die synthetischen Urteile Apriori her, das ist jene Erkenntnis, die nicht aus der sinnlichen Erkenntnis resultiert. Hier liegt also der zentrale Punkt der kantschen Kritik der reinen Vernunft und das Argument, das gegen eine reine Abkunft des Menschen aus der Evolution, wie wir sie heute verstehen, spricht.

Anmerkung: Es ist im Übrigen das Verdienst Kants, diese bis heute gültige Kritik, ohne das Heranziehen von Religion zu vollbracht zu haben. Darin ist Kant einer der bedeutenden Philosophen der Aufklärung. Die Aufklärung ist auch das, was die Moderne ausmacht nämlich die Überwindung religiöser Bindungen, ohne den Verlust an deren sozialen Errungenschaften. Das ist etwas, was wir uns heute und gerade im Zentrum Europas wieder bewusst machen müssen.

Siehe auch: Bewusstsein und Religion

 

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